Der Sattel, das große Mysterium.

Wir kennen das Problem nur zu gut, die Qual der Wahl beim Sattel. Zugegebenermaßen ist das bei der Vielzahl der Modelle am Markt auch gar nicht so einfach. Darum gehen wir einen Schritt zurück und erklären Dir die Anforderungen an einen Sattel sowie die dazugehörigen zentralen Satteleigenschaften.

Das nicht beneidenswerte Arbeitsumfeld für einen Sattel:

Gut 50% unseres Körpergewichts auf einer Fläche von 2 Visitenkarten und rund 15.000 Lastwechsel bei einer 3-stündigen Fahrt

Die Sitzzone des Sattels zu treffen ist unabdingbar für gutes Sitzen

Ein Sattel funktioniert nicht über seine ganze Länge gleich. Man sollte meinen, dass das eine Selbstverständlichkeit ist. Aber weit gefehlt, sehr viele Sitzprobleme die wir sehen sind Resultat einer ungenügenden Positionierung auf dem Sattel.

In der Abbildung haben wir einen Sattel in drei Zonen eingeteilt, Zone 1 die Sattelspitze, Zone 2 der Übergangsbereich und Zone 3 die eigentliche Sitzzone, dort siehst Du auch eine ideale Druckverteilung als Ergebnis einer Sitzdruckmessung mit unserem elekronischen Druckmesssystem. Und genau hier sitzt es sich am besten.

In Zone 3 hast Du die größte Fläche, die Polsterung und auch idealerweise die Flexibilität des Sattels sind hier genau auf die Anforderungen des Sitzens ausgelegt. Zu den Anforderungen findest Du unten gleich mehr.

Vorher aber noch kurz zu den anderen beiden Zonen ein paar Worte: Zone 2, der Übergangsbereich von Sitzzone und Sattelspitze hat nur eine Aufgabe, Pedallieren nicht einschränken, d.h. eine gute Form und weiche, glatte Flanken bieten. Sitzen funktioniert hier schlecht, weil schon sehr wenig Fläche und Abstützbreite vorhanden sind.

Zone 1, die Sattelspitze. In jüngerer Vergangenheit wird diese Zone immer kleiner, da sie für das eigentliche Sitzen nicht gebraucht wird. Sie dient vor allem auf dem MTB, bei Fahrten im Stehen, zur seitlichen Führung des Rades mit der Innenseite der Oberschenkel. Sitzen ist hier, v.a. aufgrund der minimalen Fläche, nicht ratsam.

Es gibt drei grundsätzliche Anforderungen an die Sitzzone

Die durch die Gewichtskraft entstehenden lokalen Druckmaxima innerhalb bestimmter Grenzwerte halten
Die Dynamik der Beckenbewegung auffangen
Soweit wie möglich das Sitzbein belasten (den Rest nur mäßig) und den Damm entlasten

Die Sitzmatrix führt Anforderungen an die Sitzzone und Satteleigenschaften zusammen

Um Dir auf einen Blick zu zeigen welche Satteleigenschaften in welchem Grad die Anforderungen an die Sitzzone bedienen, haben wir die nebenstehende Matrix entworfen. Sie zeigt Dir über die Anzahl der everve "e's" wie stark der Einfluss der jeweiligen Satteleigenschaft auf die entsprechende Anforderung ist. Wir vergeben maximal 3 "e's" dort ist der Einfluss sehr groß, bei weniger "e's" entsprechend geringer. Im Folgenden besprechen wir die Matrix, immer ausgehend von den jeweiligen Satteleigenschaften. Ziel in diesem Blogbeitrag ist es, dass Du ein erstes Verständnis über die Zusammenhänge bekommst - ob des Umfangs des Themengebiets machen wir in künftigen Beiträgen noch einige Detailbesprechungen.

In der Polsterung steckt mehr als man denkt

In Verbindung mit dem Sitzpolster der Hose hat die Sattelpolsterung einen maßgeblichen Einfluss auf den Druck, da sie bestimmt wie tief das Sitzbein einsinken kann und wie viel Fläche mit akzeptablen Druckwerten wir erzeugen können.

Um dieses Prinzip zu verdeutlichen, blicken wir auf die Extreme: Mal ganz wenig und harte Polsterung und im Gegensatz dazu sehr viel und weiche Polsterung. Im nahezu "ungepolsterten" System wird das ganze Gewicht auf der sehr kleinen Fläche des Sitzbeins abgelastet. So kommt es enorm großen lokalen Druckmaxima. Im "überpolsterten" System kann das Sitzbein sehr tief einsinken und es entsteht ein sehr homogenes Druckgefüge mit geringen absoluten Druckwerten.

Interessanterweise erweisen sich beide Fällen für die Praxis als ungeeignet.

Zuviel Druck ist klar, dieser führt zu einer Überbelastung der Sitzzone mit dem Ergebnis, dass Du Druckschmerzen bekommst.  Das tiefe Einsinken in das "überpolsterte" System bringt zwei gravierende Nachteile mit sich:

  • Du läufst Gefahr, dass die Polsterung auf das empfindliche Gewebe im Dammbereich drückt
  • Du riskierst eine Knochenhautreizung am Sitzbein (was ganz nebenbei ziemlich schmerzhaft ist): Durch das tiefe Einsinken wird das Sitzbein durch mehr Material umschlossen welches durch die ständige Bewegung des Beckens an der Knochenhaut "zerrt". Dieses "Zerren"/ die entstehenden Scherkräfte können zu Reizungen und im schlimmsten Fall Entzündungen der Knochenhaut führen. Das willst Du nicht!

Ziel ist es somit das "richtige Maß" an Polsterung aus der Kombination von Sattel und Hose zu finden. Unsere Erfahrung zeigt, dass "straffere" System mit einem geringeren Maß an tendenziell härterer Polsterung deutlich besser funktionieren. Da die Polsterung der entscheidende Einflussfaktor auf den Druck ist vergeben wir in der Matrix 3 e's.

Um die Dynamik aus Tretbewegung und ggf. dem überfahrenen Untergrund zu kompensieren gibt es wesentliche Besseres als die Polsterung, daher nur 1 e. Die richtig Belastung Deines Sitzbereichs ist vor allem durch "überpolsterte Systeme" gefährdet, vor allem der Dammbereich, darum gilt es hier gut aufzupassen, denn die Effekte sind sehr unangenehm.

Bis dato wenig diskutiert: Sattelgeometrie

Für uns ist der entscheidende geometrische "Parameter" die Form des Sattels in der designierten Sitzzone die sich im Querschnitt zeigt. Unten siehst Du zur Verdeutlichung die drei Typen die wir für die folgende Diskussion unterscheiden. In den Beispielen zeigen wir Dir neben den Geometrietypen zusätzlich wie diese zum Beckenmodell "passen". Dabei ist das Beckenmodel grau gezeichnet und die vereinfachte Sattelgeometrie schwarz.

"Flacher" Typ
"Hybrider" Typ
"Klassischer" Typ

Die Effekte der Geometrie sind bedeutend

Fangen wir mit dem Einfluss auf den Druck an. Der flache Typ baut ein schönes Plateau und wir sitzen recht punktuell auf dem Sitzbein, das siehst Du gut in der Abbildung. Je runder der Sattel nun wird, desto stärker passt er sich der Anatomie unseres Sitzbereichs an. Damit können wir mehr vom Gewebe, welches das Sitzbein umgibt, zur Gewichtsablastung nutzen. Mehr Gewebe, bedeutet mehr Fläche, bedeutet weniger Druck. Der Effekt ist also durchaus signifikant - das gilt so explizit natürlich nur für den theoretischen Fall dass die Polsterung in allen 3 Fällen gleich ist, aber wir wollen den Einfluss der Geometrie erst mal isoliert betrachten.

Bei der Kompensation der Dynamik ist der Einfluss der Geometrie eher gering, die Kraftvektoren werden leicht anders abgeleitet, das fällt aber kaum ins Gewicht.

"Flache Sättel" sind aus dem Versuch heraus enstanden den Damm so weit wie möglich zu entlasten. Das klappt außerordentlich gut, da Du beim flachen Satteltyp maximal "hoch" nahezu ausschließlich auf dem Sitzbein sitzt - allerdings zum oben genannten Preis, dem erhöhten Druck an ebendiesem. Je runder nun die Geometrie wird, desto mehr umgebendes Gewebe, im Extremfall auch im Dammbereich, wird belastet. Hier gilt es ebenso wie beim Druck ein "vernünftiges" Mittel zu finden. In unseren Messungen und als Ergebnis im Feld ist kaum überraschend, dass die "hybriden" Geometrien am tauglichsten für die Meisten von Euch sind.

Die Flexibilität des Sattels ist der meistunterschätzte Faktor

Die Flexibilität des Sattelsystems ist aus unserer Sicht der entscheidende Faktor in der Sattelkonstruktion. Ob die Flexibilität nun aus einer nachgiebigen Sattelschale kommt oder aber aus einem elastisch gelagerten Gestell/ Dämpfungssystem ist dabei nachranging.

Hat das Sattelsystem die richtige Flexibilität kann die Dyamik aus der Kippbewegung des Beckens in jedem Tretzyklus "mechanisch" kompensiert werden. Das ist ungemein wichtig, da die Vielzahl der Druckänderungen über eine Fahrt hinweg (rd. 15.000 bei einer Rund von 3h) sehr herausfordernd sind. Was hier genau passiert zeigen wir Dir in einem der nächsten Blogbeiträge, das würde an dieser Stelle zu weit führen.

Auf die Belastung der richtigen Zone hat die Flexibilität des Sattels im Prinzip keinen Einfluss, es sei denn der Sattel  ist nach tausenden Kilometern komplett "durchgenudeldt" und weich. Dann besteht die Gefahr, dass Du "durchsitzt" und Druck im Dammbereich bekommst.

Sattelbreite, von fast jedem diskutiert, aber was hat es wirklich damit auf sich?

Gleich vorweg: Das Thema Sattelbreite werden wir hier nicht in Gänze besprechen können, auch und insbesondere weil es hierzu vielfältigste Meinungen, Sichten und Herangehensweisen gibt. Das werden wir demnächst in einem separaten Beitrag machen...

Fakt ist: Die Sattelbreite hat einen erheblichen Einfluss auf das Sitzen. Wir sehen den größten Hebel beim Druck. Auf Basis der altbekannten Gleichung: Druck ist gleich (Gewichts)kraft geteilt durch Fläche. Mit der Breite eines Sattels variiert die Fläche und somit DER Faktor in der "Druckgleichung". In der Praxis bedeutet das schlicht, dass Du mit der richtigen Sattelbreite den Druck im Rahmen halten, oder sogar senken kannst.

Auf der anderen Seite läufst Du mit einem zu schmalen Sattel nicht nur Gefahr, dass Du zu hohe Druckwerte bekommst, sondern auch, dass Du Druck im Dammbereich bekommst. Das passiert, wenn Du mit der knöchernen Sitzstruktur nicht ausreichend Aufstandsfläche auf dem Sattel bekommst und bis auf den Damm "durchsitzt". Das gilt es zu vermeiden.

Vereinfacht könnte man nun meinen, dass ein tendenziell breiterer Sattel besser ist. Das ist allerdings nur bedingt richtig. Da Du Dich auf dem Sattel bewegst, muss die Breite/ Form zu den räumlichen Bewegungsanforderungen passen, sonst rubbelt und schleift es.

Für den nächsten Sattelkauf hast Du mit der Sitzmatrix eine sehr gute Orientierung

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