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Radhosenmaterial: Marketingag oder Wunderwaffe? Ein Experte klärt auf.

Wir haben mit Gauthier Casset (GC) von Payen, einem der weltweit führenden Hersteller von Webstoffen aus Frankreich ein Interview geführt. Payen Materialien werden dort eingesetzt, wo maximale Performance benötigt wird und Olympiamedaillen sowie Gelbe Trikots bei der Tour de France gewonnen werden. Das folgende Interview führte Stephan Wolfer (SW) und ist ein Transkript aus dem Englischen.

SW: Hallo Gaultier, schön Dich mal wieder zu sprechen und vielen Dank schon mal für das Interview.

GC: Gerne, bin schon gespannt.

SW: Zum Start fände ich es prima, wenn Du vielleicht kurz was zu Payen und Dir selber sagen würdest.

GC: Klar. Fangen wir mit Payen an. Payen hat 1839 damit begonnen Garne aus Seide zu produzieren. Schon damals waren wir recht progressiv und hatten unsere eigenen Seidenraupen und Maulbeerbäume. Über die Jahrzehnte entwickelte sich Payen zum bedeutendsten Hersteller von Garnen für Strumpfwaren, so waren wir die ersten die Umwindegarne hergestellt haben und zeitweise der größte Abnehmer von Dupont Nylon. In den frühen 1990er Jahren entschied sich Pierre Payen dazu die Garne aus der Strumpfware selber zu Webstoffen zu verarbeiten. Damit waren wir wiederum die ersten, die extrem leichte und dehnfähige Stoffe herstellen konnten.

SW: Spannend und das ganze ohne einen echten Bedarf vom Markt, mutige Entscheidung.

GC: Ja, aber heute können wir sagen, dass es die richtige Entscheidung war. An 3 Standorten in Frankreich produzieren wir mit 160 Angestellten mittlerweile Garn und Webstoffe, vom Umsatz her zu gleichen Teilen.

SW: Und Du selbst? Du scheinst Textil in der DNA zu haben?

GC: [Lacht] Ja, ich habe in den letzten 20 Jahren diverse Stationen in der Textilindustrie hinter mir. Angefangen im Garnsektor bis hin zum Aufbau von Produktionsstätten in der ganzen Welt.

SW: Fein, dann lassen wir Deine geballte Kompetenz mal auf unser Thema los. Wie Du weißt wollen wir in unserem Gutsitzen-Blog verschiedenste Themen rund um das Sitzen auf dem Rad beleuchten. Dabei sind Radhosen selbstverständlich ein zentrales Element. Ein wesentlicher Faktor bei Radhosen ist aus unserer Sicht das Material aus dem sie gefertigt sind, vor allem das im Bein- und Sitzbereich. Die Anforderungen hier sind immens, schließlich soll eine Radhose:

  • Während der Fahrt die Form halten und komfortabel sein
  • Waschzyklen, Dehnung, Schweiß und UV-Licht aushalten
  • Mit Reibung klarkommen
  • Schnell trocknen und Feuchtigkeit leiten

 

GC: Ja dem kann ich zustimmen.

SW: Also gut, dann lass uns doch mal besprechen welche Mechanismen in Stoffen es braucht, damit diese Anforderungen bestmöglich erfüllt werden können

Während der Fahrt Form halten und komfortabel sein

SW: In unserem vorigen Blogbeitrag zu Radhosen (hier) hatten wir erläutert, warum das Material im Bein- und Sitzbereich einen gewissen Zug aufbauen können muss. Gleichzeitig soll eine Hose aber auch noch, im Rahmen der Möglichkeiten, bequem sein. Aus Deiner Sicht, welche Stoffeigenschaften braucht es, dass das möglich ist?

GC: Wir glauben, dass sich diese Anforderungen nur mit einem Webstoff gut lösen lassen. Bei Webstoffen greift das Elasthan sofort beim Zug, bei Strickstoffen werden zuerst die Maschen langgezogen und dann fängt das Elasthan an zu „ziehen“. Zudem arbeiten Webstoffe in jede Zugrichtung gleichmäßig wogegen sich Strickware z.B. bei Zug in Querrichtung in Längsrichtung verkürzt.

SW: Klingt plausibel, wir haben das für die Leser mal illustriert, links im Bild eine Strickware mit Maschen und rechts die Webstruktur. Aber warum genau „hält“ so eine Hose besser und ist dabei dennoch komfortabler?

GC: Nimmst Du einen Strickstoff musst Du im Schnitt schon mal ein wenig enger anfangen, da die ersten paar Prozente der Dehnung ohne „Kraft“ passieren. Wird der Stoff dann im Gebrauch abwechselnd in eine Richtung gedehnt, was beim Treten definitiv der Fall ist, verkürzt er sich in der anderen Richtung und fängt an sich auf der Haut zu bewegen. Als Ergebnis sehen wir zwei Dinge, 1. dass durch den engeren Schnitt Zonen mit übermäßigem Zug entstehen, die die Nutzer wiederum als unkomfortablen Druck wahrnehmen. Und 2. dass durch das Rutschen das eigentlich ausgeklügelte System zur Fixierung, v.a. des Sitzpolsters, ins Wanken gerät. Bei Webstoffen haben wir das definitiv nicht.

Waschzyklen, Dehnung, Schweiß, UV-Licht aushalten

SW: Gekauft, gehen wir zum nächsten Teil der Anforderungen: Waschen und Co. Haben wir auch hier Vorteile mit Webstoffen?

GC: Jein. Es hängt mit dem Garn, das zum Einsatz kommt zusammen, nämlich dem sogenannten Umwindegarn. Dieses wird bei Funktionsstoffen ausschließlich in Webstoffen eingesetzt, darum das undifferenzierte „Jein“.

SW: OK, also was hat es dann mit diesem mysteriösen Umwindegarn auf sich?

GC: Um in Funktionsstoffen Elastizität zu bekommen, braucht es Elasthan im Stoff. Elasthan kann man sich als Gummifaden vorstellen, der in den Stoff, neben anderen Fasern, in Radhosen meist Polyamid, eingebracht wird. In Strickstoffen laufen Polyamid und Elasthan separat in den Strickprozess und werden dort verarbeitet. Bei dem Umwindegarn, das wir im Webprozess einsetzen ist das Elasthan, die sogenannte Seele, mit einem Polyamidfaden umwickelt, daher der Name. Dieses Umwickeln schützt das vergleichsweise empfindliche Elasthan vor aggressiven Umwelteinflüssen wie UV, Schweiß und Substanzen aus dem Waschprozess. Ist das Elasthan geschützt, behält es sehr lange seine Dehnfähigkeit und lässt nicht wie im ungeschützten Zustand verhältnismäßig schnell nach.

SW: OK, aber was ist mit schwarzen Radhosen die nach x-maligem Waschen und Tragen halt nicht mehr schwarz sondern mehr oder weniger gräulich sind? Da scheint das Unwindegarn keinen Einfluss zu haben?

GC: Richtig. Die Farbechtheit, d.h. die Eigenschaft des Stoffes seine Färbung nicht zu verlieren, liegt an der Qualität des Färbeprozesses. Wir fertigen unsere Stoffe zum größten Teil in rohweiß und färben dann auf unseren eigenen Anlagen. Durch hohe Qualitätsstandards erreichen wir sehr gute Farbechtheiten, aber auch dem sind Grenzen gesetzt. Die einzige Möglichkeit nahezu 100%ige Farbechtheit zu erreichen sind sogenannte Farbgarne, bei denen das Polyamid schon vor dem Verarbeitungsprozess die gewünschte Farbe hat. Das machen wir aber aufgrund des immensen Aufwands beim Rüsten eines Webstuhls sehr selten.

SW: Ja, ich meine mich an die Diskussion darüber mit Dir zu erinnern…schließen wir diesen Punkt ab und schauen uns an wie Stoffe es schaffen mit Reibung klarzukommen.

Mit Reibung klarkommen

GC: Gerne, das ist recht einfach zu erläutern. Ich würde sagen, wir beschränken uns auf herkömmliche Hosenstoffe aus einem Polyamid-Elasthan-Mix und klammern exotischere Fasern wie z.B. Cordura aus.

SW: Passt für mich. Das ist im Radhosenbereich auch gängig.

GC: Dass Reibung bei Radhosen entstehen kann, vor allem zwischen Sattel und Hose ist klar, da kommen wir auch nicht drumherum. Vergleicht man jetzt einen Strickstoff mit einer Webware aus Umwindegarn, wie in Eurer Illustration, dann ist offensichtlich, dass die Strickware keine Chance gegenüber dem Webstoff hat, wenn es um Reibungswiderstandsfähigkeit geht. Die Strickware mit ihrer recht losen, groben Maschenverbindung bietet sehr viele „Einhakstellen“ wo es durch die Relativbewegung der Oberfläche des Reibpartners, z.B. des Sattels, zu Störstellen kommen kann. Diese Störstellen entwickeln sich über die Zeit zu Beschädigungen im Stoff.

Nimmt man dagegen das sehr kompakte und feine Gewebe mit Umwindegarn eines Webstoffes so zeigen sich hier nahezu keine möglichen „Einhakstellen“.

SW: Fein, das absolut nachvollziehbar und deckt sich auch mit unseren Erfahrungen.

Schnell trocknen und Feuchtigkeit leiten

SW: Nun zu unserer finalen Anforderung. Schnelles Trocknen und Feuchtigkeit leiten sind für Hosen in vielerlei Hinsicht wichtig. Bin schon mal gespannt was der Trick ist, wir sehen zwischen einzelnen Stoffen hier sehr große Unterschiede.

GC: Das ist wirklich ein wichtiger Faktor und auch hier liegt der Unterschied im Detail, und zwar wieder im eingesetzten Garn. Das Umwindegarn, das wir durch sehr „enges“ Umwickeln der Elasthan-Seele herstellen, hat im Vergleich zu einem bei Strickstoffen eingesetzten Strukturgarn aus Polyamid eine nahezu hydrophobe, das heißt wasserabweisende Oberfläche. Im Vergleich von Strickstoffen mit Webware aus Umwindegarn heißt das, dass sich beim Strickstoff Feuchtigkeit an den Fasern gut ansammeln kann, wogegen bei Webware nahezu nichts hängen bleibt. Für den Nutzer bedeutet das, dass die Webware sich weniger feucht anfühlt und viel schneller abtrocknet.

SW: Auch da gehe ich mit, Webware kommt nach dem Waschen und Schleudern schon fast trocken aus der Maschine wogegen Strickware definitiv noch auf die Leine muss.

Vergleich Webware vs. Strickware

SW: Für mich ist es klar, dass wenn wir die beste Performance bei einer Radhose wollen, nicht um Webware aus Umwindegarn herumkommen. Lass uns doch noch kurz zusammenfassen, wie Web- und Strickware sich vergleichen lassen und wie unsere Leser draußen erkennen können, was was ist.

GC: OK, fangen wir mit dem Erkennen an. Webstoffe für Radhosen sind in der Regel wesentlich feiner gearbeitet, das sieht man auch in der Illustration und mit bloßem Auge beim Vergleich von zwei Produkten. Der Strickstoff links hat eine 32er Teilung, darüber hattet Ihr im vorigen Beitrag wohl schon gesprochen. Das Material rechts daneben hat eine 60er Teilung, dort erkennt man kaum mehr die Garnstruktur.

Zusammenfassend kann man sagen, dass, was die technischen Eigenschaften betrifft, Webstoffe aus Umwindegarn, leichter und robuster sind, schneller trocknen und besser die Spannung halten. Aber einen Nachteil muss die Sache halt auch haben, sie sind sehr teuer. Trotz unserer hohen Fertigungstiefe und effizienter Prozesse kosten unsere Stoffe das Drei- bis Vierfache von herkömmlicher Strickware.

SW: Dem kann ich wenig hinzufügen, Top-Performance hat eben seinen Preis.

Öko und Co.

SW: Zuletzt noch ein Thema, das in den Medien rauf und runter läuft: Recycling bei Stoffen. Entweder durch den Einsatz von recycelten Materialien bei der Produktion oder das Recycling von gebrauchten Textilien.

GC: Wir haben hier einen klaren Standpunkt. Mit recyceltem Material können wir keine Stoffe herstellen, die unseren Qualitätsanforderungen entsprechen. Zudem ist der „carbon footprint“ der beim Recycling entsteht, naja zweifelhaft, also lassen wir das an dieser Stelle.

Wir fokussieren uns voll auf die Haltbarkeit unserer Stoffe. Nutzen diese sich weniger ab, muss weniger häufig nachgekauft werden. Das ist Stand heute, wo es auch noch keine adäquaten Materialien aus nachwachsenden Quellen gibt, für uns der beste Weg. Was unsere Produktion betrifft, haben wir sehr kurze Wege und setzen bei dem energieintensiven Produktionsprozess auf grünen Strom.

Beim Recycling von Textilien, insbesondere aus Kunstfasern tun sich langsam neue Möglichkeiten auf. Vor allem das chemische Recycling scheint tauglich. Wir beobachten das sehr genau.

SW: Na da haben wir doch einen prima Ausblick in die Zukunft. Wir sind am Ende unseres Interviews, war sehr spannend für mich und ist es sicher auch für unsere Leser. Merci beaucoup Gaultier und bis bald!

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